Zur Geschichte des Leipziger Lehrerorchesters anlässlich seines 75-jährigen Bestehens
von Stephan Wünsche
Die Geschichte des Leipziger Lehrerorchesters (LLO) wird seit Generationen immer wieder dargestellt in Programmheften, Festschriften und Artikeln. So wie Märchen mit »Es war einmal …« anfangen, beginnt die Erzählung vom LLO fast immer so: »Am 23. Mai 1951 fanden sich 13 musizierfreudige Lehrer unter der Leitung des Mathematik- und Physiklehrers Karl Winkler zu ihrer ersten Probe zusammen.« Das 75-jährige Orchesterjubiläum bietet einen willkommenen Anlass, genauer darzustellen, wie es nach diesem märchenhaften Auftakt weitergeht, und welchen Weg das LLO bis in die Gegenwart hinein zurückgelegt hat.
Gründung, Beziehung zur Lehrergewerkschaft und zu einem Kohlebetrieb
Was die meisten Porträts des LLO verschweigen, ist der Ort der so oft heraufbeschworenen ersten Probe. Wo treffen sich die musikbegeisterten Lehrerinnen und Lehrer am 23. Mai vor 75 Jahren? Sie tragen ihre Geigen, Bratschen und Celli – Bläser sind am Anfang noch nicht dabei – ins Beyerhaus. Im nach dem Lehrer Ernst Beyer benannten Haus in der Ernst-Schneller-Straße hatte vor dem Zweiten Weltkrieg bereits der Leipziger Lehrerverein seinen Sitz. Nach dem Krieg, in der noch jungen DDR, residiert dort die Kreisleitung der Gewerkschaft Unterricht und Erziehung für den Kreis Leipzig. Unter dem Dach dieser Gewerkschaft gründet sich das »Orchester der Gewerkschaft Unterricht und Erziehung, Kreis Leipzig«. Die Verbindung des Orchesters zur Gewerkschaft der Lehrer:innen und Erzieher:innen besteht während der gesamten DDR-Zeit, auch wenn der Orchestername das später nicht mehr verrät. In den 70er Jahren heißt das Ensemble »Lehrersinfonie-Orchester der Gewerkschaft Unterricht und Erziehung Leipzig-Stadt« und später in den Achtzigern einfach »Lehrer-Sinfonieorchester Leipzig«.
Schon anderthalb Jahre nach seiner Gründung öffnet sich das Orchester weiteren Berufs- und Gesellschaftsgruppen. Als sich die Bezeichnung »Lehrerorchester« bzw. »Lehrersinfonieorchester« verfestigt, ist es schon längst kein reines Lehrerorchester mehr. Im Jahr 1971 beispielsweise sind 18 von 54 Musizierenden Lehrerin oder Lehrer. Dass im Orchester zwar verhältnismäßig viele Lehrkräfte mitspielen, aber mehr als die Hälfte der Mitglieder aus anderen Berufen kommen, wird sich bis zum Ende der DDR ungefähr halten. Bei den »Lehrern« mitgemeint sind selbstverständlich auch Lehrerinnen. Wir wissen sicher von mindestens einem weiblichen Gründungsmitglied, nämlich Doris Brüning, geb. Krummsdorf. Sie wird 2013 zum Ehrenmitglied ernannt. Ein Orchesterspiegel von 1971 gibt außerdem bei zwei Geigerinnen das Eintrittsjahr 1951 an. Sie sind sicherlich auch von Anfang an dabei – insofern dürften unter den dreizehn Musizierenden der ersten Stunde mindestens drei Frauen gewesen sein.
Heute sind künstlerisch tätige Laien-Ensembles oft selbstständig als Vereine tätig. In der DDR ist das anders. Damals müssen sie einer staatlichen Organisation und/oder einem Betrieb angegliedert sein. Das betrifft DDR-Neugründungen ebenso wie ältere Vereinigungen. So firmiert etwa die Leipziger Singakademie in den 1950er Jahren zeitweise als Betriebschor der Deutschen Notenbank und der Leipziger Männerchor verhandelt (erfolglos) mit den Leipziger Verkehrsbetrieben über eine Angliederung. Obwohl die Pflicht, einen Platz innerhalb der staatlichen Strukturen zu finden, für das LLO von Anfang an erledigt ist, erhält das Orchester ab 1970 zusätzlich einen »Patenbetrieb«: das Braunkohlenkombinat Regis. Albrecht Krummsdorf, Cellist, Gründungsmitglied des LLO und sicherlich verwandt mit Doris Brüning, ist 1971 Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Kohlenkombinat, später Professor an der Universität Rostock. Ihm zufolge legt der Patenschaftsvertrag fest, dass das LLO verantwortlich ist für »die Vorstellung großer Orchesterwerke ebenso wie Darbietungen der ›kleinen Form‹ in Gewerkschaftsgruppen, Brigaden und im AGL-[Abteilungsgewerkschaftsleitungs-]Bereich«. Mitglieder des Orchesters spielen im Kulturhaus Deutzen ein Klaviertrio, das Kammerorchester des LLO gestaltet ein Gesprächskonzert in Wintersdorf. Beides geschieht 1970. Krummsdorf wechselt 1976 nach Rostock. Ob und wie die Verbindung zwischen den musizierenden Lehrkräften aus Leipzig und den Kohlekumpeln aus dem Tagebaugebiet im Leipziger Südraum danach noch gelebt wird, lässt sich heute nicht mehr sagen.
Viel wichtiger für das Lehrerorchester ist im Laufe der ersten vier Jahrzehnte seines Bestehens offensichtlich die Zugehörigkeit zur Lehrergewerkschaft. Der Kreissitz der Gewerkschaft zieht 1962 vom Beyerhaus in die repräsentative Villa Klinkhardt in der Karl-Tauchnitz-Straße 1, die fortan »Haus der Lehrer« genannt wird. Dort, wo heute die Sächsische Akademie der Wissenschaften zu Leipzig residiert, ist bis zum Ende der DDR der Sitz des Lehrerorchesters. Dabei ist das LLO keineswegs das einzige »Volkskunstkollektiv« am Haus der Lehrer. In den 1980er Jahren existieren dort außerdem der Lehrerchor (seit 1953), das Lehrertheater, das Lehrerkabarett, ein »Zirkel für bildnerisches Volksschaffen« sowie ein Zirkel für Philatelie.
Die staatliche Förderung des Laienmusizierens bringt für das Orchester große Vorteile. Im Haus der Lehrer wird geprobt und alle Verwaltungsangelegenheiten des Orchesters werden dort erledigt. Das betrifft z. B. die Vorstandssitzungen und das Erstellen von Mitgliederausweisen. Mit dem Briefkopf der Gewerkschaft werden Schreiben an Betriebe versandt, in denen die (bezahlte!) Freistellung von Angestellten für die Teilnahme an Probenphasen oder Konzerten erbeten wird – und solche Freistellungen ermöglichen die Vorgesetzten offenbar regelmäßig. Die erzwungene Nähe zu den Organisationen des DDR-Staats hat aber auch ihren Preis. Im Orchesterrat ist qua Statut von 1973 immer ein Mitglied des Stadtvorstandes der Gewerkschaft Unterricht und Erziehung vertreten. Außerdem muss ein Mitglied des Orchesterrats als »der Parteigruppenbeauftragte der SED der Genossen Orchestermitglieder« fungieren. Das Orchester verpflichtet sich in seiner Satzung, »neben der Pflege des kulturellen Erbes besonders dem sozialistischen Gegenwartsschaffen unserer Komponisten Aufmerksamkeit zu schenken«. Mit dem Fokus auf Instrumentalmusik, besonders aus Klassik und Romantik, besteht für das Orchester grundsätzlich kein Risiko, in irgendeiner Art systemkritisch oder gar staatsfeindlich aufzufallen. Anders als z. B. bei Filmschaffenden oder bei Bands im Bereich der Unterhaltungsmusik scheint es wenig staatliche Kontrolle oder Einflussnahme auf die eigentliche Arbeit des Orchesters zu geben. Im Gegenteil: Das Ensemble entwickelt sich offenbar zur Zufriedenheit der Kulturfunktionäre, so dass es im Laufe der DDR-Zeit eine ganze Reihe an Auszeichnungen sammelt: Es erhält bis 1976 insgesamt drei Mal die Medaille »Hervorragendes Volkskunstkollektiv« und im gleichen Jahr schließlich auch »Ausgezeichnetes Volkskunstkollektiv« (die letztere ist die höhere Auszeichnung). Außerdem wird das Orchester schon im zehnten Jahr seines Bestehens 1961 mit dem »Preis für künstlerisches Volksschaffen 1. Klasse« geehrt; zum 30-jährigen Bestehen 1981 kommt dazu die »Dr.-Theodor-Neubauer-Medaille in Silber«.
Lehrkonzerte, Partnerschaft mit dem Rundfunkorchester
Wie erspielt das Lehrerorchester sich diese Erfolge? Neben den bis heute üblichen »normalen«, regelmäßigen Konzerten ist für das LLO in den ersten Jahrzehnten ein Konzertformat besonders wichtig: die sogenannten Lehrkonzerte. Die vielen Porträts des LLO, die im Laufe der Zeit entstanden sind, berichten: Das LLO tritt bald nach seiner Gründung vor Schülerinnen und Schülern und deren Eltern auf, um sie an die Orchestermusik heranzuführen. Bisher zu wenig gewürdigt wird allerdings, dass diese Konzerte eine jahrzehntelange Kontinuität aufweisen und letztlich zu einer festen Größe werden in der Schullaufbahn von tausenden Schülerinnen und Schülern in und um Leipzig.
Die ersten Lehrkonzerte finden in Dörfern im Leipziger Umland statt, z. B. in Sehlis und Pönitz (heute Ortsteile von Taucha). Dort werden die Instrumente des Orchesters einzeln vorgestellt, sicherlich gibt es auch eine erklärende Moderation. Später werden diese Konzerte offenbar zentralisiert, es kommen also nicht mehr die Musiker:innen in die Schulen, sondern die Schüler:innen besuchen spezielle Konzerte in großen Spielstätten. Dabei wird das LLO zunehmend von weiteren Klangkörpern Leipzigs unterstützt. Ein Zeitungsartikel von 1976 berichtet: »Das Lehrersinfonieorchester bestreitet heute (…) jedes Jahr für die 6. Klassen Leipzigs vor rund 10 000 Schülern solche Konzerte.« Das heißt, man wird nicht in Klassenzimmern musiziert haben, sondern wohl eher in Aulas oder bereits in Konzertsälen, die jeweils mehrere Hundert Zuhörer:innen fassen. Die im Jahr 1978 geplanten Lehrkonzerte, so schreibt die Leipziger Volkszeitung, werden unter anderem gestaltet von »so hervorragenden Klangkörpern wie dem Gewandhausorchester, dem Rundfunksinfonieorchester, dem Lehrersinfonieorchester, dem Orchester der Hochschule für Musik, dem Thomanerchor, dem Opernchor und dem Rundfunkkinderchor«. Bemerkenswert, dass das LLO in einem Atemzug mit drei professionellen Orchestern genannt wird! Eine weitere Zeitungsstimme aus dem Jahr 1986: »Im Verlauf dieses Schuljahres gab das Orchester in Leipzig vier Konzerte für je 1700 Schülerinnen und Schüler der siebenten Klassen, um den Jugendlichen Eindruck von der Schönheit der Musik zu geben.« Anscheinend zieht sich das LLO im Laufe der Zeit aus den Lehrkonzerten zurück und überlässt professionellen Ensembles den Platz, denn im Jahr 1991 heißt es rückblickend in einem Programmheft: »Die letzten Lehrkonzerte vor der Übernahme durch hochkarätige Berufsorchester nach Lehrplan erreichten in der Kongreßhalle je über tausend Schüler«. Heute noch bietet das Gewandhausorchester regelmäßig Schulkonzerte an und das MDR-Sinfonieorchester konzertiert in Schulen im Sendegebiet – eine Tradition, die in Leipzig vom LLO begründet wurde.
Eine besonders enge Beziehung besteht zwischen dem Lehrerorchester und dem Rundfunk-Sinfonieorchester Leipzig, dem heutigen MDR-Sinfonieorchester. Sie äußert sich nicht nur darin, dass seit 1961 alle Karl Winkler nachfolgenden Dirigenten des LLO gleichzeitig Berufsmusiker im Rundfunkorchester sind (Hellmuth Schack spielt dort Oboe, Werner Lorenz und Gerd-Eckehard Meißner Geige), sondern auch weitere Mitglieder des Berufsorchesters unterstützen das LLO tatkräftig. Über die Anfänge dieser Partnerschaft schreibt der Chefdirigent des Rundfunkorchesters Adolf Fritz Guhl zum 20-jährigen Jubiläum des LLO 1971: »Im Jahre 1968 entschlossen sich 20 Mitglieder des Großen Rundfunkorchesters Leipzig, dem Lehrersinfonieorchester sozialistische Hilfe anzubieten. (…) Mit der Übernahme der künstlerischen Leitung durch unseren Kollegen Werner Lorenz, der gemeinsamen Erarbeitung eines Repertoires und vor allen Dingen eines minutiösen Probenplanes begann eine Entwicklung von nicht voraussehbarer Qualitätssteigerung (…).« Ein Artikel aus den 1970er Jahren berichtet von insgesamt »sieben Musikern des Großen Rundfunkorchesters«, die sich im LLO engagieren. Sie verstärken das Orchester bei Auftritten und leiten die regelmäßig stattfindenden Registerproben. Schon beim 20-jährigen Bestehen 1971 ist von einem »Freundschaftsvertrag« die Rede, später auch von einem »Patenschaftsvertrag«. Das Orchesterstatut aus dem Jahr 1973 spricht von »Unterstützung und Zusammenarbeit mit dem Patenorchester, dem Großen Rundfunkorchester Leipzig«. Offen muss bleiben, ob der Vertrag dem Lehrerorchester nur garantierte, dass »ein künstlerischer Leiter aus den Reihen der professionellen Musiker mit Rat und Tat zur Seite steht« (so ein Zeitungsartikel von 1984), oder ob darin noch weiter gehende Regelungen zur Zusammenarbeit verankert sind. Wahrscheinlich endet der Vertrag mit dem politischen Umbruch 1989/90. Gelebte Praxis ist allerdings sowohl davor als auch danach, dass immer wieder Mitglieder des Rundfunkorchesters als Solist:innen mit dem LLO konzertieren. Mehrere Berufsmusiker:innen nutzen nach Eintritt in den Ruhestand die Gelegenheit, im LLO weiter zu musizieren.
In jüngeren Texten über das LLO ist auch wiederholt von einer ähnlichen Kooperation die Rede, die zu DDR-Zeiten zwischen dem LLO und dem Orchester der Musikalischen Komödie bestanden haben soll. Anders als beim Rundfunkorchester lassen sich hierfür aber keine näheren Belege finden.
Weitere Konzerte in der DDR-Zeit, Kammermusik
Die Konzerttätigkeit des Lehrerorchesters ist vielfältig. Schon zum fünfjährigen Bestehen 1956 kündigt das Orchester sein fünfzigstes Konzert an. Während sich bald der Festsaal des Alten Rathauses als regelmäßiger Auftrittsort etabliert, in den achtziger Jahren dann auch der Kleine Saal im Gewandhaus (heute Mendelssohnsaal), finden sich in Leipzig und im Leipziger Umland viele weitere Auftrittsgelegenheiten. Der Bezug zu Schulen bzw. zu Schülerinnen und Schülern ist dabei der rote Faden. In den siebziger und achtziger Jahren gehört die Beteiligung an Jugendweihe-Feiern fest zum Konzertkalender des LLO. Die Leipziger Universitätszeitung berichtet 1986 von sechs solchen Festveranstaltungen allein in diesem Jahr und davon, dass das LLO »seit vielen Jahren« dort eingebunden sei. Auf dem Programm stehen »klassische und moderne Werke […] darunter das ›Lied auf Karl Marx‹ von Ottmar Gerster«. Der früheste nachgewiesene Auftritt des LLO bei einer Jugendweihe findet 1955 statt, der letzte 1989. Mindestens vier Mal spielt das LLO bei Jugendweihen in Colditz, drei Mal in Grimma, einmal in Böhlitz-Ehrenberg. Weitere Beteiligungen an Festveranstaltungen seien ohne Anspruch auf Vollständigkeit erwähnt: Entlassungsfeiern zum Schulabschluss in der Leipziger Kongresshalle (1972 und 1975), eine Festveranstaltung einer Leipziger Oberschule in der Musikalischen Komödie (1984).
Nicht alle Konzerte außer der Reihe haben einen Schul- oder Jugendbezug. 1967 beispielsweise veranstaltet das Lehrerorchester im »Haus der Volkskunst«, dem Theaterhaus am Lindenauer Markt, ein Konzert unter dem Motto »Musikalische Kostbarkeiten«, 1970 gastiert es erneut dort. Sogar Konzertreisen ins »befreundete« Ausland gibt es. Eine führt das Orchester in die Tschechoslowakei nach Olmütz und Prag, eine weitere nach Gabrowo in Bulgarien.
Im Laufe der Zeit gründen sich aus dem LLO heraus mehrere Kammermusikgruppen. Helmut Grimmer, langjähriger Konzertmeister des LLO, leitet das Streichquartett und das Kammerorchester des LLO. Neben dem Kammerorchester existiert Anfang der 1980er Jahre ein Streichorchester. Beide Ensembles treten auch unabhängig vom Mutterorchester auf, so sind für das Streichorchester mehrere Konzerte mit dem Lehrerchor 1982 und ein eigenständiges Konzert 1984 nachgewiesen, während das Kammerorchester 1983 eine Festveranstaltung an einer Leipziger Oberschule mitgestaltet. Ein Bläserquintett des Lehrerorchesters tritt in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre regelmäßig gemeinsam mit dem Leipziger Lehrerchor im Kleinen Saal des Gewandhauses und im Festsaal des Alten Rathauses auf.
Aufführungen zeitgenössischer Musik, eine Widmung
Heute hat das LLO einen Repertoireschwerpunkt in der hochromantischen Sinfonik des späten 19. Jahrhunderts. Die Besetzung ermöglicht mittlerweile die großen Orchesterwerke u. a. von Antonín Dvořák, Johannes Brahms und Pjotr Tschaikowski. Zur DDR-Zeit hingegen ist das Repertoire des LLO zweigeteilt in Kompositionen, die vor und nach dieser Epoche entstanden sind: Einerseits musiziert man Werke aus Barock, Klassik und Frühromantik, die auch für ein kleiner besetztes Orchester gut zu bewältigen sind (Bach, Telemann, Haydn, Mozart, Beethoven, Schubert usw.). Andererseits und gemäß der Selbstverpflichtung zum »sozialistischen Gegenwartsschaffen« finden sich in den Programmen der DDR-Zeit tatsächlich viele zeitgenössische Kompositionen etwa von Ottmar Gerster (1897–1969), Jean Kurt Forest (1909–1975), Günther Habicht (1916–2010) und Friedbert Groß (geb. 1937). Habicht ist damals Lehrer an der Musikschule Leipzig-Stadt und musiziert selbst im LLO mit. Seine »Sinfonietta« wird mehrfach vom LLO gespielt. 1971 zu den 13. Arbeiterfestspielen der DDR führt das LLO ein »Divertimento für Orchester« von ihm auf.
Kurz vor dem Ende der DDR erteilt der FDGB-Bezirksvorstand einen Kompositionsauftrag, der zum einzigen Werk führt, das dem LLO bisher gewidmet wurde. Der Auftrag geht an Friedbert Groß, einen studierten Musiker und Komponisten, der damals als Lehrer an der Deutschen Hochschule für Körperkultur in Leipzig wirkt. Später wird er als CDU-Mitglied sächsischer Landtagsabgeordneter und Kultusminister. Groß hat bis 1989 schon zahlreiche Werke für Chor oder Orchester geschaffen, unter anderem zu Sportfesten. Für das Lehrerorchester komponiert er die »2. Suite für das LSO« in fünf Sätzen: 1. Ouvertüre. Fuga didactica, 2. Aufbruch, 3. Lösung, 4. Eine kleine Wassermusik, 5. Kontertanz. Nach mehreren Teil-Uraufführungen in den Jahren 1989 und 1990 erklingt das vollständige Werk beim Festkonzert zum 40-jährigen Jubiläum 1991 im Mendelssohnsaal des Gewandhauses. Der Werktitel kann zu der Annahme verleiten, dass auch die erste Orchestersuite von Friedbert Groß bereits dem LLO gewidmet sei. Dafür gibt es aber keine Belege. Die »Fuga didactica« im ersten Satz verweist augenzwinkernd auf den Lehrerberuf. Werner Wolf schreibt in einer Zeitungsrezension zur vollständigen Uraufführung der Suite: »Sie beginnt wie die Bachschen Orchestersuiten mit einer französischen Ouvertüre, verwendet aber für die weiteren Sätze andere Formtypen und insgesamt in bedachter Auswahl heutige Gestaltungsmittel. (…) Diese Suite erweist sich als ein insgesamt freundlich wirkendes Stück, das die Mitglieder eines Amateurorchesters und ihre Zuhörer an Ausdrucksmöglichkeiten des 20. Jahrhunderts heranführt.«
Soziale Aspekte, Orchesterlager, Ausflüge
Wer miteinander musiziert, muss auf die anderen achtgeben, auf sie eingehen und mit ihnen kommunizieren. So entsteht in einem Laienorchester ganz von selbst ein Gemeinschaftsgefühl. Andere Faktoren sind das regelmäßige Beisammensein und das gemeinsame Bewältigen von Herausforderungen – den Auftritten vor Publikum. Die einzelnen Musiker:innen erleben ihr Mitwirken als wichtigen Beitrag zum großen Ganzen, und zwar im musikalischen wie auch im gemeinschaftlichen Sinne.
Man lernt sich kennen und schätzen, Freundschaften entstehen und manchmal auch mehr: Mindestens zwei Ehen hat das LLO gestiftet. Viele Orchestermitglieder sind nicht nur dabei, weil sie so gerne musizieren, sondern auch, weil ihnen die sozialen Aspekte des Orchesterlebens etwas bedeuten.
Das LLO steht bald nach der Gründung allen Berufsständen und Altersklassen offen, im Gegensatz z. B. zum 1954 gegründeten Akademischen Orchester, das sich lange Zeit ausschließlich an Studierende und andere Universitätsangehörige wendet, oder zu späteren Leipziger Gründungen wie dem Universitätsorchester und dem HTWK-Orchester. Das führt zu einer anregenden Vielfalt unter den Mitgliedern, oder wie es einmal eine Mitspielerin ausdrückte: »Wenn du ein Problem hast, nimm es montags mit in die Orchesterprobe oder zum Stammtisch danach. Egal ob du medizinischen, handwerklichen oder lebenspraktischen Rat brauchst: Du wirst jemanden finden, der eine Lösung weiß.«
Zur Gemeinschaftsbildung und zum Austausch tragen ganz wesentlich die intensiven Probenphasen bei, bei denen das Orchester für ein paar Tage eine Unterkunft außerhalb Leipzigs bezieht und dort Register- und Gesamtproben durchführt. Der früheste nachgewiesene »Lehrgang« findet bereits 1953 in Stolberg (Harz) statt. Die später auch als »Werkstatt-Tage«, »Kurse« oder »Orchesterlager« bezeichneten Aufenthalte führten das Orchester in den 70er und 80er Jahren unter anderem nach Kahla, Oehrenstock bei Ilmenau, Leinefelde und Altenburg. Keine Orchesterlager gibt es in den Jahren 1977 bis 1980 sowie 1987 bis 1998.
Ende der 90er Jahre wird die Tradition wiederbelebt. Das Orchester probt in Radis, in Windischleuba bei Altenburg, in Pressel und am Naunhofer Grillensee und schließlich in der Landesmusikakademie in Colditz, wo es bis heute seine Orchesterfreizeiten durchführt. Dauern diese in der DDR mitunter eine ganze Woche – bei Anerkennung als »gesellschaftliche Tätigkeit« ist eine bezahlte Freistellung von der Arbeit möglich –, beschränken sie sich danach üblicherweise auf ein langes Wochenende von Freitagabend bis Sonntagmittag. Wolfgang Brunner bringt die Stimmung dieser Tage in einem Toast nach dem Konzert zum 50-jährigen Jubiläum 2001 auf den Punkt: »Im Jahr ein langes Wochenende / ist ›Kurs‹ in lieblichem Gelände. / Man kann’s auch Werkstatt, Lager nennen. / Da lernen wir einander kennen / und ein Stück Heimat noch dazu, / mit der Musik auf du und du.«
Auch abseits der Orchesterlager unternehmen die Musikerinnen und Musiker gemeinsame Ausflüge mit Bus, Pkw oder Rad. Im Herbst 1976 findet etwa eine Harzrundfahrt statt, 1986 eine Rundfahrt nach Grimma, Trebsen und Beucha. Private Fotoalben der Orchestermitglieder bezeugen sehr fröhliche Rosenmontagsfeiern der Jahre 1984 bis 1986, teils verbunden mit Proben im Kostüm. Noch heute pflegt das Orchester die Tradition des Himmelfahrtsausflugs: Man lernt ein Stück Mitteldeutschland kennen – besichtigt etwa eine Stadt oder ein Museum – und trifft sich anschließend zum gemeinsamen Grillen, Familienangehörige sind willkommen.
Wendezeit und Vereinsgründung
Das Ende der DDR und der Übergang ins wiedervereinigte Deutschland stellen das Lehrerorchester vor große Herausforderungen. Was wir aus individuellen Lebensläufen der Wendezeit kennen, betrifft auch das Orchester als Ganzes: Gewohnte Strukturen brechen weg, Prioritäten verschieben sich, Geldsorgen spielen plötzlich eine Rolle. Als Gerd-Eckehard Meißner 2006 sein 20-jähriges Jubiläum als LLO-Dirigent feiert, schreibt ein Orchestermitglied über ihn: »Auch die große Flaute durch den Niedergang der kulturellen Strukturen der DDR-Ära hat er mit unserer neu zu begründenden Amateurvereinigung tapfer überwunden und ist uns, oft nur vor einem kleinen Häuflein Musikanten stehend, treu geblieben.«
Der zeitweilige Mitgliederschwund macht dem Orchester zu schaffen, aber auch organisatorisch und finanziell muss sich das Ensemble völlig neu aufstellen. Ein schwerer Einschnitt ist sicherlich die Trennung von der Lehrergewerkschaft als Trägerin und damit der Wegfall des Probenorts im Haus der Lehrer. Glücklicherweise gelingt schon 1990 die Vereinsgründung als »Leipziger Lehrerorchester e.V.« und auch ein neues Probendomizil wird bald gefunden. Das Orchester trifft sich nun im Städtischen Altenheim »Martin Andersen-Nexö«, wo es – quasi als öffentliche Generalproben – auch Konzerte für die Bewohner:innen gibt. In den 2010er Jahren wechselt es ins Seniorenheim Plagwitz in der Nonnenstraße, bevor es nach einem Interim im Umweltforschungszentrum 2023 in die Aula der Adolph-Diesterweg-Schule im Leipziger Osten zieht. Heute finden die montäglichen Proben in der Albert-Schweitzer-Schule im Stadtteil Marienbrunn statt. Mit den letzten beiden Orten schließt sich ein Kreis, denn schon in den fünfziger Jahren hatte das Orchester in Schul-Aulas geprobt.
Zurück in die neunziger Jahre: Trotz aller Umbrüche gibt es Kontinuitäten, die das Lehrerorchester über die schwere Zeit retten. Im neu gegründeten Verein behält Gerd-Eckehard Meißner sein Amt als musikalischer Leiter. Ein fester Stamm von Musiker:innen bleibt dem Orchester treu. Manche sind schon seit Jahrzehnten im Orchester aktiv, auch in organisatorisch verantwortlichen Positionen, und führen ihre Arbeit jetzt im Vereinsvorstand weiter. Sie organisieren Förderung über den Landesverband Sächsischer Liebhaberorchester. Konzerte des LLO werden so unter anderem vom Sächsischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kultur, von der Sparkasse Leipzig und vom Sächsischen Musikrat gefördert.
Gerd-Eckehard Meißner blickt 2001 zurück: »Eine Zeit lang dachte ich, wir gehen kaputt. Aber mittlerweile haben wir mehr Mitglieder als vor der Wende, aus Ost und West.«
Während sich der Mitgliederstand erholt, bezeichnet der Name »Lehrerorchester« immer weniger die Realität. Zählt das Orchester 1991 rund 40 Mitglieder, von denen noch etwa die Hälfte »aus dem pädagogischen Fach« stammt – Lehrer:innen im Ruhestand sowie Lehramts-Studierende sicherlich mitgerechnet –, so spielen 2001 im Orchester nur noch eine Lehramts-Studentin sowie sieben Lehrkräfte in Rente mit. Das LLO ist ein bunt gemischtes Liebhaberorchester geworden, das einen historisch gewachsenen Namen trägt.
Neue Kooperationen, neue Konzertorte
Ab 1999 und in den frühen 2000er Jahren besteht eine Partnerschaft mit der Neuen Leipziger Chopin-Gesellschaft. Dieser 1992 gegründete Verein widmet sich nicht nur der Musik Frédéric Chopins, sondern auch seinen Vorbildern, Zeitgenossen und Nachfolgern. Die Gesellschaft veranstaltet jährlich die Werkstatt für Klavier- und Kammermusik, bei deren Eröffnungskonzerten das LLO für einige Jahre mitwirkt. Dort kommen unter anderem Klavierkonzerte von Beethoven, Grieg und natürlich Chopin zur Aufführung. Die Konzerte finden zunächst in Leipzig statt (Altes Rathaus, Musikschule) und wechseln dann nach Störmthal in die Ausstellungshalle der Pianofabrik Julius Blüthner.
Sein 60-jähriges Jubiläum feiert das Lehrerorchester mit einem Konzert im Großen Saal des Gewandhauses. In der Heimat des weltberühmten Gewandhausorchesters aufzutreten, ist ein großer Traum vieler musizierender Laien. Er hatte sich für die Mitglieder des Lehrerorchesters vereinzelt schon früher erfüllt – das erste Konzert mit dem LLO im Großen Saal fand 1984 statt, auch 1990 war das Lehrerorchester dort zu Gast. Ab 2014 wechselt das LLO mit seinen regelmäßigen Konzerten dauerhaft vom Kleinen in den Großen Saal des Gewandhauses – bis heute.
Wie schon vor 1990 nutzt das LLO auch danach gerne die Gelegenheit zu besonderen Auftritten außer der Reihe in Leipzig und im Umland. Es tritt in Leipzig unter anderem in der Musikschule »J. S. Bach«, in der Bethanienkirche in Schleußig und auf der Parkbühne am Geyserhaus auf. Gastspiele gibt es in den 2000er und 2010er Jahren – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – in Eilenburg, Geithain, Taucha, Schnaditz bei Bad Düben und in Markkleeberg. Auch die neu gewonnene Reisefreiheit nutzt das Orchester und führt in den neunziger Jahren Konzertreisen durch, die früher nicht möglich waren: In Nürnberg (Peterskirche), in Westerburg im Westerwald sowie in der (West-)Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche ist das Leipziger Ensemble zu hören.
Eine langjährige Verbindung geht das LLO mit der Bürgerstiftung Leipzig ein. Die Stiftung organisiert und finanziert unter anderem Projekte für sozial benachteiligte Kinder, bei denen diese durch Bildungspaten begleitet werden oder kostenlosen Musikunterricht erhalten. Die Kinder aus diesen Programmen werden zu den Konzerten des LLO eingeladen. Unter dem Motto »Freude teilen« ruft die Bürgerstiftung seit 2015 vor jedem Konzert zu Spenden auf, um diese Tickets zu finanzieren und den Kindern den Besuch eines Sinfoniekonzerts ohne finanzielle Hürden zu ermöglichen.
Jubiläumsjahr und Ausblick
In der jüngsten Zeit modernisiert sich das Leipziger Lehrerorchester nach innen und außen. Die Orchestermitglieder erarbeiten 2017 ein Dokument zum Selbstverständnis des Orchesters, der Verein gibt sich 2023 eine aktualisierte Satzung und eine neue Orchesterordnung. Das Orchester ist in den sozialen Medien vertreten, wirbt dort unter anderem mit kurzen Videos für seine Konzerte und um neue Mitglieder. Ein engagiertes Team um die Vorstandsvorsitzende Julia Sander hat ein digitales Archiv zur Geschichte des Lehrerorchesters aufgebaut. Es enthält unter anderem Akten aus verschiedenen Leipziger Gedächtniseinrichtungen, Zeitungsartikel und Rezensionen über das Lehrerorchester, unzählige Programmhefte, Plakate sowie persönliche Sammlungen und Fotoalben von Orchestermitgliedern. Dieses Archiv des Lehrerorchesters speist eine Ausstellung, die vom 20.04. bis zum 20.06.2026 in der Stadtbibliothek am Wilhelm-Leuschner-Platz gezeigt wird, und es hat nicht zuletzt diesen historischen Überblick ermöglicht.
Im Jubiläumsjahr 2026 geht für das Lehrerorchester eine Ära zu Ende, wenn Gerd-Eckehard Meißner am 31. Mai nach 40 Jahren den Taktstock niederlegt. Die Weichen für die Zukunft sind gestellt. Unter einer neuen künstlerischen Leitung wird das Lehrerorchester ins vierte Vierteljahrhundert seines Bestehens aufbrechen, wird sich weiter neue musikalische Gefilde erschließen und den Kontakt zu den bekannten nicht abreißen lassen. Hin und wieder wird die Zeit für Jubiläumskonzerte und Rückblicke kommen. Wir dürfen gespannt sein, wie die Geschichte weitergeht, die am 23. Mai 1951 mit den »13 musizierfreudigen Lehrern« begann.
Stephan Wünsche spielte von 2009 bis 2016 Violine und Viola im LLO. Von 2010 bis 2016 war er Vorstandsmitglied.
