Eva Meitner
Eva Meitner ist seit 2015 Dirigentin des Sinfonischen Orchesters Hoyerswerda und seit 2018 Dirigentin des Freien Orchesters Leipzig. Seit 2019 verbindet sie eine enge Zusammenarbeit mit dem Festival »Silesia Sonans« in Jelenia Góra (Polen), bei dem sie das deutsch-polnische Gemeinschaftsorchester leitet. 2022, 2023 und 2025 war sie als Bläserdozentin für das Bundesamateurorchester tätig. Seit 2024 arbeitet sie als Dozentin für den Sächsischen Chorverband, seit 2025 als Dozentin bei der Sächsischen Chorleitungsschule der Europa Chor Akademie. Seit 2017 ist sie Pianistin beim Duo TastoCorno und tritt seit 2024 auch solistisch am Klavier auf. Seit 2025 verbindet sie eine enge Zusammenarbeit mit dem Edition Peters Verlag, für den sie Werkauswahlen traf und Vorworte schrieb (Chaminade Klavierwerke Band 1 und Clara Schumann Meisterwerke), sowie als Herausgeberin tätig war (Etudes by Women Composers).
Seit 01.06.2026 ist Eva Meitner auch Dirigentin unseres Orchesters.
Montag ist ein Glückstag
Seit Juni leitet Eva Meitner das Leipziger Lehrerorchester. Ein Gespräch über die Kraft der Amateurmusik, über Probenarbeit ohne Druck, über historische Komponistinnen und darüber, warum ein Montagabend zum Glückstag werden kann.
Die Fragen stellte Teresa Flegel, Mitglied des Orchesters.
Frau Meitner, was hat Sie dazu gebracht, sich beim Leipziger Lehrerorchester zu bewerben?
Ich bin jemand, der total gerne mit Amateurmusikern arbeitet und vor allem auch mit Laienorchestern. Das ist eine unglaublich inspirierende und schöne Arbeit, und ich habe ja nun auch schon seit über zehn Jahren so ein Orchester. Das ist etwas, was mich wirklich begeistert. Ich kannte natürlich das Leipziger Lehrerorchester, und dann wurde ich darauf hingewiesen, dass diese Position frei wird. Ich habe mich vorher informiert, weil gerade die Chemie beim Amateurorchester wirklich sehr gut stimmen muss. Man ist da ja perspektivisch lange Zeit zusammen.
Was hat in der Ausschreibung den Ausschlag gegeben?
Das Menschliche. Dass das Orchester jemandem suchte, bei dem das Menschliche einfach passt. Also nicht nur das Fachliche. Ich möchte in meinem Umfeld einfach nur liebe Leute haben, weil ich weiß, dass ich so am besten musizieren kann. Und ich bin jemand, der gerne lange Bindungen eingeht, was man ja auch beim Sinfonischen Orchester Hoyerswerda sieht. Das ist etwas sehr Kostbares.
Sie waren dann zu einer ersten Probe hier.
Ja, das war irgendwie so herzlich, gleich von Anfang an. Ich habe sofort dazugehört, alle waren unglaublich nett und freundlich, keine Barrieren. Und mir war bei dieser ersten Probe, die ich gehört habe, gleich klar: das ist eigentlich ein sehr leistungsfähiger Klangkörper. Als dann die Nachricht kam, dass ich vom Orchester gewählt wurde, bin ich direkt in Tränen ausgebrochen. Für mich ist jetzt Montag immer der Glückstag. Ich weiß: Montagabend, diese zweieinhalb Stunden, da bin ich einfach super glücklich, vergesse die Zeit, und es ist einfach schön.
»Es ist anders. Aber es ist keine Wertigkeit«
In vielen Dirigentenbiografien gilt das Amateurorchester als Zwischenstation.
Ich habe mich jetzt tatsächlich bewusst für dieses Amateurmusik-Dirigieren entschieden. Ich habe sogar eine Bewerbung für eine Kapellmeisterstelle abgelehnt, bin gar nicht erst in dieses Verfahren gegangen, weil ich für mich entschieden habe, dass ich total gerne Amateurorchester dirigiere. Mich erfüllt das mit unglaublicher Freude. Ich blicke hier jede Woche in leuchtende Augen. Jeder kommt freiwillig, es gibt kein Konkurrenzgehabe, alle ziehen am gleichen Strang. Aber man passt auch aufeinander auf.
Und die technischen Grenzen?
Ein Amateurorchester ist einfach anders, aber das ist keine Wertigkeit und auch kein Manko. Ich habe sozusagen ein anderes Instrument zur Verfügung. Manchmal geht es sogar in die andere Richtung, dass plötzlich 300 Prozent mehr Qualität da ist im Konzert. Bei Amateurorchestern kann man große Wunder erleben. Und was ich sehr schön finde: dass wir uns ein halbes Jahr mit einem Werk beschäftigen. Dieses Eintauchen in Musik, das ist etwas total Schönes und Beglückendes.
Was zwischen den Proben passiert
Wie viel Arbeit steckt zwischen zwei Montagen?
Sehr viel. Manchmal laufe ich durch den Park und denke: Mensch, diese eine Stelle, was kann ich denn da machen? Ich höre auch Aufnahmen – nicht um zu kopieren, aber man kann ja mal gucken, was der Karajan macht. Das ist einfach ein guter Dirigent gewesen. Oder Günter Wand. Dann setze ich mich ans Klavier und spiele Stimmkombinationen oder überlege mir, wie ich das proben kann, damit ich in der Probe möglichst flexibel bin.
Was ist Ihr Maßstab für eine gute Probe?
Der Spaß stellt sich nur ein, wenn man ein Erfolgserlebnis hat. Sonst ist kein Spaß möglich. Deshalb bereite ich es pädagogisch so auf, dass keiner merkt, wie schwer es ist. Brahms ist vielleicht total schwer, aber wir sagen das einfach keinem! Mir ist schon daran gelegen, dass hier eine Probenarbeit stattfindet, die etwas bringt, die den Klangkörper voranbringt und auch jede und jeden Einzelnen. Aber es soll keine »Druckveranstaltung« werden. Ich möchte das wahren, was schon da ist.
Es geht Ihnen also um eine sichere Probenatmosphäre.
Ja, darum geht es: dass jeder das Gefühl hat, montags muss ich keine Angst haben. Musik kann man nur machen, wenn man sich wohlfühlt. Jede Emotion kann man wirklich nur in einem geschützten Raum ganz frei zum Ausdruck bringen. Und das gilt auch fürs Konzert: Mir ist wichtig, dass niemand mit Angst reingeht, sondern dass alle sich gut vorbereitet fühlen und sagen, Mensch, wir können jetzt richtig frei und gut musizieren.
Wie würden Sie das Lehrerorchester beschreiben?
Das Lehrerorchester ist herzlich. Das ist das Wort, das ich verwenden würde. Und diese Herzenswärme, die hört man. Da ist keine Grenze zwischen dem Menschlichen und dem Musikalischen. Technik ist ja auch nur ein Mittel, um Emotionen zu transportieren. Dieses Gutwillige als Basis trägt zum Zusammenspiel bei. Hier sagt keiner: Ich will mich hervortun. Alle begreifen sich als Teil des Ganzen.
Komponistinnen – »regelmäßig, ganz selbstverständlich«
In Ihrem Antrittsprogramm erklingt ein Werk von Augusta Holmès.
Komponistinnen sind wirklich mein Herzensthema. Die großen Komponisten sollen natürlich nach wie vor Gehör finden. Aber es ist auch toll, dass ich die Komponistinnen mal zum Erklingen bringen kann, einfach in einem runden Konzertprogramm. Und zwar immer wieder. Regelmäßig, ganz selbstverständlich. Ich bin auf den Bereich historischer Komponistinnen spezialisiert und mache das in allen möglichen Formen. Schön finde ich, dass das hier schon begonnen wurde und es dagegen keine Widerstände gibt.
Wie erleben Sie die heutige Situation von Dirigentinnen?
Also früher war es tatsächlich noch ein bisschen mehr Thema als jetzt. Aber auch jetzt noch spricht man von einer gläsernen Decke. Und diese gläserne Decke ist aus Panzerglas. Ich habe damals in Hamburg hospitiert, als Simone Young dort GMD war. Sie hat gesagt, als Frau muss man halt doppelt so gut sein wie ein Mann, sonst schafft man es überhaupt nicht. Ich selbst hatte großes Glück: Überall dort, wo ich dirigiert habe, hatte ich überhaupt nicht mit Vorurteilen zu tun. Aber die Position mit Geld und Macht: im Zweifel lieber ein Mann. Und dann werden Dirigentinnen gerne promotet als die Ausnahmedirigentinnen, sie sollen immer irgendwie jung und hübsch sein. Auch bei mir wurde über Kleidung diskutiert, bei einem Mann passiert das nicht. Niemals. Lasst die Leute im Konzert doch einfach anhaben, was sie wollen.
Vom Geigenkasten ans Pult
Wie sind Sie zur Musik gekommen?
Ich habe früher zwölf Jahre Geige und Flöte gespielt. Das hilft mir beim Proben enorm, bei Strichen für die Streicher, bei der Stütze für die Bläser. Im Schulmusikstudium habe ich dann meinen Hauptfachwechsel gemacht und bin zu Klavier umgeschwenkt. Mittlerweile bin ich eben nur noch »Pianistin« und spiele ab und zu auch noch ein bisschen Harmonium. Früher habe ich auch sehr viel gesungen, vor allem auch, als ich noch Chorleitung unterrichtet habe.
Und nun das Gewandhaus.
Ja, ich freue mich schon riesig auf mein Antrittskonzert, für mich auch das allererste Mal im Gewandhaus. Ich habe mich eigentlich immer in der Oper verortet. Und jetzt gehe ich am Gewandhaus vorbei und kann es nicht ganz glauben, dass ich in zwei Monaten da stehe. Nach all den Jahren bin ich sehr demütig geworden. Es ist zwar sehr aufregend, aber zugleich eine riesige Freude.
Zwei Jahre im Voraus
Wie weit reicht Ihre Planung?
Wir haben schon, auf meinen Wunsch hin, ganz viel Spielzeitplanung gemacht und sind nun zwei Jahre im Voraus. Jetzt machen wir Brahms II, das Bruch-Violinkonzert und Holmès. Irgendwann wäre noch Brahms I sehr schön, um die Sinfonien zu komplettieren. Und nächstes Jahr ist dann Bruckners 4. Sinfonie dran. Der erste Bruckner, den das Orchester überhaupt jemals spielt. Das ist schon ein episches Werk. Ich glaube, danach haben wir auch einfach ein anderes Orchester.
Woran merken Sie, dass ein Konzert gelungen ist?
Zum einen, wenn danach alle euphorisch sind. Und manchmal – das kann man nicht steuern – entstehen Gänsehautmomente, das merkt man dann. In dem Moment, wo Musik erklingt, synchronisieren sich ja alle Herzschläge und die Atmung. Das heißt, wir sind einfach vereint im wahrsten Sinne des Wortes.
Was bedeutet Ihnen das gerade jetzt?
Musik ist wirklich mein Leben. Und Musik ist auch etwas Wichtiges, gerade in der heutigen Zeit: Sie gibt uns Halt, sie gibt uns Mut, sie gibt uns Hoffnung. Hier kommen alle zusammen, egal welcher Beruf, egal welche soziale Schicht, auch welche politische Orientierung oder welche Nation. Zweieinhalb Stunden in einer Welt, die ganz eigen ist. Dann geht man wieder raus in dieses andere. Aber diese zweieinhalb Stunden, unsere kleine Insel, die haben wir.
Herzlichen Dank für das Gespräch!
